Andreas Cremonini

Philosophie | Psychoanalyse | Alltag

Andreas Cremonini

12/03/2011 Seminar: J’ouïe-sens. Über Sinn und Geniessen in der Psa

February 25th, 2011 by Andreas Cremonini

Veranstalter: Gesellschaft für hermeneutische Anthropologie und Daseinsanalyse (GAD-DAS)
Ort: Kulturhaus Helferei, Breitingersaal, Kirchgasse 13, 8001 Zürich

Seminar: J’ouïe-sens. Über Sinn und Geniessen in der Psychoanalyse | Flyer [PDF]

„Denn diese Ketten sind nicht von sens, sondern von jouis-sens [sc. Genieß-Sinn], was Sie schreiben können, wie Sie wollen, gemäß dem Äquivoken, das das Gesetz des Signifikanten ist.“ Lacan, Radiophonie/Television

Der Begriff der jouissance ist ein schillerndes Schlüsselwort der Psychoanalyse Lacans. Und wie viele Begriffe Lacans besitzt er der inneren Evolution des Lacanschen Oeuvre folgend unterschiedliche Bedeutungen. Zunächst noch unspezifisch verwendet, erlangt er mit der Unterscheidung von jouissance (Geniessen) und plaisir (Lust) im Jahr 1957 terminologische Bedeutung. Von da an gehören die Dialektik von ödipalem Verbot und Transgression, die Nähe zum Leiden sowie der Bezug zum (geschlechtlichen) Körper zu den festen Angelpunkten dieses Konzeptes. Neben diesen lacaninternen Bezugspunkten lassen sich aber auch Anknüpfungen an die Psychoanalyse Freuds ausmachen. So sind in Lacans jouissance die Idee des sekundären Krankheitsgewinns, das Konzept der libido sowie Freuds Überlegungen zum Todestrieb präsent.

In einem allgemeineren Sinn ist die Idee des „Sinngeniessens“ jedoch auch geeignet, die Frage nach dem Ort und der Eigentümlichkeit der Psychoanalyse zu stellen. Während das Stichwort „Sinn“ in die Richtung auf die philosophische Disziplinen der Hermeneutik gelesen werden kann, das Stichwort „Leib“ auf die Phänomenologie oder die Existentialphilosophie verweist, scheint die Verbindung von Semantischem, Somatischem und Unbewusstem wie sie in Lacans jouis-sens anklingt, ein Spezifikum der Psychoanalyse zu sein. Der innerste Kern eines psychischen Symptoms wäre in diesem Verständnis eben nicht Sinn, der verstehend angeeignet werden kann, sondern unbewusster Geniess-Sinn. Dieser scheint sich, wie der „Nabel des Traumes“ (Freud), allem Deuten und Verstehen zu widersetzen. Sofort stellt sich natürlich die Frage, was mit diesem Geniess-Sinn geschehen soll, wenn er im Rahmen einer Analyse einmal freigelegt ist.

Das Seminar verfolgt die philosophischen und psychoanalytischen Spuren des Konzeptes, indem einschlägige Textauszüge zu den Bezugsfeldern Leib, Sinn und Unbewusstes von klassischen Autoren aufmerksam gelesen und diskutiert werden. Neben den Texten der beiden psychoanalytischen Autoren (Freud, Lacan) werden u.a. Texte des mittleren und späten Merleau-Ponty, von Gadamer sowie von Heidegger herangezogen, um die entscheidende theoretische (und praktische) Komplikation begreiflich zu machen, die in der Idee eines verkörperten unbewussten Geniessens liegt.

Das Tagesseminar ist so angelegt, dass sich Lektüre von Textauszügen mit Diskussionen im Plenum und kurzen, orientierenden Input-Referaten des Referenten abwechseln. Mit diesem Wechsel soll der Blick sowohl für die grossen gedanklichen Zusammenhänge als auch für Schwierigkeiten und Probleme der konkreten Durchführung geschärft werden. Ziel des Seminares ist es, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen soliden Einblick in die psychoanalytische und philosophische Herkunft des Konzepts der jouissance zu vermitteln sowie eine kritisches Bewusstsein von dessen Leistungsfähigkeit. Ein Seminarplan sowie ein Reader werden nach Anmeldung verschickt.

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